„Und was bieten Sie?“

An einem Freitagabend hatte Katharina sich geschworen, die Dating-App endgültig zu löschen. Nicht, weil sie die Hoffnung auf Menschen verloren hatte, sondern weil sie irgendwann genug von diesem endlosen Zirkus aus Selbstdarstellung, Forderungen und seltsamen Illusionen hatte.

„Nur kurz schauen“, hatte ihre Freundin Julia gesagt und ihr beim Kaffee in Hamburg das Handy hingehalten. „Nicht zum Verlieben. Zum Lachen.“

Katharina lachte tatsächlich. Und installierte die App wieder.

„Zehn Minuten“, murmelte sie.

In genau diesen zehn Minuten tauchte er auf.

Ein Mann mit ernstem Gesichtsausdruck, als hätte er sein Leben lang nur Entscheidungen getroffen, die andere ihm danken mussten. 60 Jahre alt, gepflegt, aber mit diesem Blick, der nicht fragt, sondern bewertet.

Sein Name: Bernd.

Im Hintergrund ein altmodisches Wohnzimmer, schwere Vorhänge, dunkle Möbel. Alles wirkte, als hätte die Zeit dort irgendwann beschlossen, nicht mehr weiterzugehen.

Doch der eigentliche Schock kam erst mit dem Text.

„Suche gepflegte, schlanke Frau bis 45 Jahre. Ohne Kinder, ohne Probleme, mit eigenem Wohnraum. Ich biete Stabilität, Anwesenheit und männliche Führung. Frauen mit finanziellen Schwierigkeiten bitte nicht kontaktieren. Eine Frau sollte den Haushalt führen und den Mann respektieren.“

Katharina las den Text dreimal.

Dann noch einmal langsam.

„Interessant“, sagte sie leise und schickte den Screenshot an Julia.

„Das ist kein Profil“, antwortete ihre Freundin. „Das ist eine Stellenanzeige für eine Haushälterin mit Herz.“

„Oder ohne Herz“, schrieb Katharina zurück.

Und genau da begann es.

Katharina war 43, lebte in Köln, arbeitete in einem Architekturbüro. Ihr Profilbild zeigte nur ihre Silhouette am Rhein bei Sonnenuntergang. Keine Provokation, keine Selbstdarstellung.

Sie schrieb ihm zuerst.

„Guten Abend, Bernd. Ihr Profil hat mich angesprochen. Ich glaube, ich erfülle Ihre Vorstellungen.“

Die Antwort kam schnell.

„Endlich eine normale Frau. Haben Sie wirklich eine eigene Wohnung?“

Katharina lächelte.

„Ja. Drei Zimmer, zentral.“

„Gut. Ich brauche keine Frau, die Probleme mitbringt. Ich brauche Ruhe.“

„Und was bieten Sie?“

Es dauerte etwas länger.

„Ich bin ein Mann mit Erfahrung. Ich habe eine kleine Rente und arbeite gelegentlich. Ich bringe Stabilität. Ich möchte aber keine Frau, die nur nimmt.“

Katharina lehnte sich zurück.

„Und wie stellen Sie sich das Zusammenleben vor?“

„Ganz einfach. Die Frau führt den Haushalt. Kocht, putzt, sorgt für Ordnung. Der Mann entscheidet. Ich bin kein Freund von Diskussionen. Frauen sollten keine unnötigen Konflikte erzeugen.“

Katharina atmete langsam aus.

Das war kein Gespräch über Liebe.

Das war ein Vertrag ohne Gleichgewicht.

Sie vereinbarten ein Treffen in einem kleinen Café in Berlin-Schöneberg. Bernd bestand darauf:

„Kein teures Lokal. Ich lasse mich nicht beeindrucken.“

„Keine Sorge“, antwortete sie. „Jeder zahlt für sich.“

Am nächsten Tag kam sie früher und setzte sich ans Fenster. Draußen regnete es leicht. Sie beobachtete Menschen, die vorbeiliefen, jeder in seiner eigenen Geschichte gefangen.

Bernd kam zehn Minuten zu spät.

Er wirkte im echten Leben noch strenger als auf den Fotos. Er setzte sich, ohne zu lächeln.

— Sie sehen anders aus als auf dem Bild.

— Ich stand damals am Fluss. Da sieht jeder anders aus.

Er musterte sie.

— Ich hatte mir Sie kleiner vorgestellt.

Katharina hob leicht die Augenbrauen.

— Und ich hatte mir Sie jünger vorgestellt.

Stille.

Die Kellnerin kam.

Katharina bestellte Kaffee. Bernd Tee und Apfelkuchen.

— Wir zahlen getrennt, sagte er sofort.

— Natürlich.

Er nickte zufrieden.

„So ist es korrekt.“

Katharina zog ein kleines Notizbuch aus ihrer Tasche.

„Ich habe ein paar Punkte für ein mögliches Zusammenleben.“

Bernd wirkte interessiert.

„Bitte.“

„Wenn jemand bei mir einzieht, beteiligt er sich an Miete, Nebenkosten und Lebensmitteln. Haushalt wird geteilt. Kochen abwechselnd. Reinigung ebenfalls. Und bevor jemand Schlüssel bekommt, möchte ich Einkommensnachweise und eine Kontaktperson für Notfälle.“

Bernd blinzelte.

„Entschuldigung?“

„Sicher ist sicher.“

Sein Gesicht verhärtete sich.

— Das ist absurd.

— Wirklich? Ich habe nur Ihre Anforderungen übernommen und ergänzt.

— Ich bin ein Mann.

— Ich habe bemerkt.

— Normale Frauen verlangen so etwas nicht.

Katharina legte den Kopf leicht schief.

— Normale Frauen lassen auch keine fremden Männer kostenlos in ihre Wohnung einziehen, um dort versorgt zu werden.

Seine Stimme wurde lauter.

— Sie verstehen das nicht!

— Doch. Sehr gut sogar.

Bernd schob den Stuhl zurück.

— Mit Ihnen kann man nicht reden.

Katharina blieb ruhig sitzen.

— Dann haben wir uns eigentlich gut verstanden.

Er zahlte den Tee, ließ den Kuchen unangetastet und ging.

Sie blieb noch sitzen, trank ihren Kaffee und fühlte keine Genugtuung. Nur Klarheit.

Denn manchmal braucht es keinen Streit, keine Eskalation.

Nur einen Spiegel.

Ein paar Wochen später löschte sie die App endgültig.

Nicht aus Enttäuschung.

Sondern aus Erkenntnis.

Menschen, die Liebe mit Bedingungen verwechseln, suchen keinen Partner.

Sie suchen einen Nutzen.

Und wer das einmal klar gesehen hat, verhandelt nicht mehr über sich selbst.

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