In unserem Dorf Unterfeld im Süden Bayerns lachten fast alle über Johann Brenner. Nicht aus Bosheit am Anfang, eher nachbarschaftlich spöttisch, aber mit der Zeit wurden diese Witze so scharf, dass es selbst mir beim Zuhören wehtat. Johann war neunundfünfzig, er lebte allein in einem alten Häuschen am Straßenrand, hatte einen grauen Schnurrbart, sonnenverbrannte Hände und eine seltsame Angewohnheit: Jeden Frühling und jeden Herbst pflanzte er Bäume. Nicht zwei oder drei – Dutzende. Entlang der Straße, neben dem alten Gemeindezentrum, am verfallenen Brunnen, hinter dem Friedhofszaun, auf dem Brachland hinter der Bushaltestelle. Er pflanzte Ahorne, Linden, Apfelbäume, Walnüsse, Akazien, sogar kleine Eichen, die er aus dem Waldstreifen holte. Und jeden Tag trug er Wasser zu ihnen in zwei alten Eimern, die an seinem Fahrrad hingen.
Ich heiße Nadja, ich bin sechsundvierzig und arbeite als Verkäuferin im Dorfladen. In Unterfeld sind die Leute einfach, aber ihre Zungen sind oft schärfer als ihre Sensen. Wenn jemand anders handelt als die Masse, bekommt er schnell einen Spitznamen. Johann nannten sie den „Waldmeister ohne Wald“. Dabei war er nie Förster gewesen. Früher fuhr er den Überlandbus in die nächste große Stadt. Er hatte eine Frau, Maria, und eine Tochter, Sophie. Maria wurde früh krank, Sophie zog weg nach Berlin und kam fast nie zu Besuch. Nach ihrem Tod wurde Johann schweigsam, mager, als hätte man ihm das halbe Leben herausgezogen, und er wandte sich den Bäumen zu.
— „Johann, pflanz dir doch einen Garten, nicht hier am Straßenrand“, lachte der Nachbar Willi, ein lauter, geschäftstüchtiger Mann, der auf alles neidisch war, was ohne seine Erlaubnis geschah. — „Glaubst du etwa, das hier wird ein Park?“
Johann stellte die Eimer neben eine junge Linde, lockerte die Erde mit den Händen und antwortete ruhig: — „Warum eigentlich nicht?“ — „Weil die Ziegen sie fressen, die Kinder sie abbrechen, der Traktor drüberfährt. Du schleppst das Wasser wie ein Verrückter.“ — „Dann pflanze ich sie eben noch einmal.“
Die Leute lachten, aber er ärgerte sich nicht. Das war es wohl, was sie am meisten reizte. Wenn man über jemanden lacht und der sich nicht rechtfertigt, klingt jeder Witz plötzlich nach der eigenen Leere. Ich sah, wie Johann um sechs Uhr morgens mit dem Fahrrad zum Brunnen fuhr, die blechernen Eimer klapperten auf dem Gepäckträger, in der Tasche steckte eine alte Schere. Er hielt bei jedem Baum, untersuchte die Blätter, band die dünnen Stämme an Stäbe, lockerte die Erde, als würde er nicht Pflanzen, sondern Kinder pflegen.
Besonders Willi war gegen ihn. Sein Hof lag direkt gegenüber der Brache, wo Johann die Linden und Ahorne gepflanzt hatte. Willi stapelte dort seit Jahren alten Bauschutt und Bretter. Als Johann die ersten Bäume pflanzte, kam Willi in Unterhemd und mit Zigarette heraus: — „Hast du mich gefragt?“ — „Hast du die Dorfgemeinschaft gefragt, als du den Müll hierhergekippt hast?“, antwortete Johann leise.
Willi wurde rot. — „Schau an, der Weise. Wirf mir hier keinen Schatten. Ich brauche Sonne für meinen Gemüsegarten.“ — „Von diesen Zweigen wird es noch zehn Jahre keinen Schatten geben.“ — „Und das soll auch so bleiben.“
Eine Woche später hatte jemand zwei Linden herausgerissen. Nicht nur abgebrochen, sondern mit den Wurzeln herausgezogen und in den Graben geworfen. Ich sah, wie Johann morgens über den Setzlingen stand. Er schrie nicht. Er hob eine Linde auf, klopfte die Erde ab, trug sie nach Hause. Abends pflanzte er sie wieder ein. Daneben stellte er ein handgeschriebenes Schild: „Dieser Baum wird einmal deinem Kind Schatten spenden.“
Danach wurde noch mehr gelacht. Aber eine Person lachte nicht: meine Nachbarin Gabi, eine zweifache Mutter. Ihr kleiner Sohn Matthäus, acht Jahre alt und Asthmatiker, vertrug die Hitze und den Staub kaum. Gabi saß oft mit ihm auf der Bank vor meinem Laden, weil es daheim unter dem Blechdach zu heiß war. Eines Tages sagte sie zu Johann: — „Herr Johann, pflanzen Sie ruhig weiter. Hören Sie auf niemanden. Irgendwann wird das jemand brauchen.“
Er sah sie so an, als hätte sie genau die Worte gesagt, die ihm gefehlt hatten.
Die Jahre vergingen. Die Bäume gediehen langsam. Dann kam dieser Sommer. Die Hitze setzte schon im Juni ein. Zuerst freuten sich die Leute: Heu trocknet gut, Tomaten wuchsen. Aber nach zwei Wochen war die Erde rissig wie aufgeschnitten. In den Brunnen sank der Wasserstand, die Gärten verdorrten, die Hühner saßen mit offenen Schnäbeln da. Asphalt an der Haltestelle heizte sich so auf, dass Hunde die Pfoten hoben.
Eines Tages ging es dem kleinen Matthäus schlecht. Gabi kam vom Arzt, der Junge wurde bleich und schnappte nach Luft. Die Sonne brannte, weit und breit kein Schatten, nur glühende Straße. Da warf Johann, der gerade mit seinem Fahrrad vorbeikam, das Rad in den Graben, nahm Matthäus auf die Arme und trug ihn zu der Lindenreihe auf dem Brachland.
Diese Linden waren bereits gewachsen. Nicht riesig, aber dicht genug, um kühl zu sein. Unter den Bäumen stand eine alte Bank. Sie setzten Matthäus in den Schatten, Gabi gab ihm das Inhaliergerät, ich brachte ein nasses Handtuch. Johann hielt den Jungen fest und sagte leise: — „Atmen, Kleiner. Nur keine Eile. Schau auf die Blätter. Siehst du, sie bewegen sich? Da ist Luft. Atmen.“
Matthäus kam zu sich. Die Menschen, die herbeigelaufen waren, standen schweigend da. Alle wussten: Ohne diese Bäume hätte das Kind auf dem heißen Beton liegen müssen.
Nach diesem Vorfall sah das Dorf zum ersten Mal, dass Johann keine „Zweige“ gepflanzt hatte. Die Leute begannen, sich in den Schatten zu setzen. Selbst Willi, der jahrelang gespottet hatte, stand eines Abends unter der Linde an seinem Zaun und schwieg. Seine Frau, der bei der Hitze schlecht geworden war, hatte dort im Schatten gesessen, bis der Krankenwagen kam. Willi konnte sein Unrecht nicht schnell zugeben, er brummte nur: „Na ja, sie sind gewachsen. Und was ist schon dabei? Nicht nur er hat Bäume gepflanzt.“ Aber ich sah, wie er abends einen Eimer Wasser holte und die Linde goss. Er dachte, niemand sähe ihn.
Die wahre Erkenntnis kam erst, als Johanns Tochter Sophie aus Berlin zu Besuch kam. Sie wirkte erschöpft, mit dunklen Ringen unter den Augen. Sie kam in den Laden und bat mich: — „Bitte sagen Sie meinem Vater, er soll nicht mehr so viel Wasser schleppen. Sein Herz hält das nicht aus. Er macht das alles nur, weil er Angst hatte, dass hier alles zu einer öden Wüste wird, sobald ich weg war. Er wollte, dass hier etwas bleibt, das lebt.“
Am nächsten Tag ging Johann nicht zu seinen Bäumen. Sophie war bei ihm. Am Abend geschah das Unglaubliche: Willi kam mit einem Eimer Wasser aus seinem Hof. Dann kam ein junger Bursche, der für den Sommer aus der Stadt zurückgekehrt war. Und dann andere.
Sie pflanzten keine neuen Bäume. Sie gossen nur die, die schon da waren. Willi ging zu Johanns Zaun und rief: — „He, Johann! Komm raus! Die Linden brauchen Hilfe!“
Johann kam auf die Veranda, sich auf seinen Stock stützend. Er sah auf seine ehemaligen Kritiker, die nun unbeholfen und schweigsam seine Arbeit bewässerten. Er sagte nicht „Ich habe es euch doch gesagt“. Er nickte nur und ging zu seinem Fahrrad – aber zum ersten Mal seit Jahren war er nicht allein.
Seitdem sind die Bäume in Unterfeld nicht mehr die „von Johann“. Sie gehören uns allen. Wenn ich jetzt aus dem Laden trete, sehe ich unter dem Schatten der Ahorne nicht mehr nur einen alten Mann, sondern jemanden, der uns das Wichtigste beigebracht hat: Selbst wenn man allein ist, kann man eine Welt schaffen, die anderen Luft zum Atmen gibt. Und wenn die Sonne am Abend hinter den Hügeln versinkt und ihr Licht auf das junge Laub fällt, scheint es, als hätte unser Dorf endlich seinen Schatten gefunden. Jenen Schatten, den Johann mit seiner Liebe herangezogen hat – trotz all unseres Spotts.